Gewalt in der Geburtshilfe

 

Gewalt in der Geburtshilfe ist ein alltägliches- aber ebenso tabuisiertes Thema. 

Ich spreche von körpetlicher Gewalt, wenn Frauen, ohne ihre Zustimmung und teilweise ohne Vorankündigung, vaginal untersucht werden oder ihr Damm (der Abschnitt zwischen Vaginaöffnung und dem Anus), teilweise ebenfalls ohne Vorankündigung oder Zustimmung, während der Geburt geschnitten wird.

 Medikamente werden in manchen Fällen nach gleichem Schema verabreicht oder aber auch verweigert.

Das sind für die gebärenden Frauen deutlich grenzüberschreitende Situationen, die ihr Empfinden zu sich, zu ihrem Körper, zum Geburtsprozess, bis hin zur Mutter-Kind-Bindung auswirken.  

 

Auch die psychische Gewalt, mit der Frauen in der Klinik seitens des diensthabenden Personals konfrontiert werden, fallen unter den Begriff der Gewalt. 

So berichten Mütter, dass sie sich in einer Geburtsklinik ausgeliefert bis hin zu gedemütigt fühlten. Sie fühlten sich weder gesehen, noch ernst genommen in ihren Geburtsempfindungen oder ihrem Wunsch nach selbstbestimmter, intuitiver Bewegung und Geburtsposition. Oftmals entstehen aus den genannten Übergriffen das Gefühl, man treffe Entscheidungen über ihren Kopf hinweg und dränge sie damit in eine Richtung, in der es unmöglich ist, selbstbestimmt und aus eigener Kraft ihr Baby zu gebären.

Auch diese, für die Mutter sehr dramatischen Situationen, haben einen großen Einfluss auf das Gefühl zum Körper und zu ihrem Geburtsprozess. 

 

Eingriffe in den Geburtsprozess, sind per se NICHT notwendig, dass möchte ich an dieser Stelle deutlich sagen. Ein Eingriff in den natürlichen Geburtsprozess bedingt oftmals weitere Eingriffe, da häufig die Produktion wichtiger Geburtshormone 

ins Ungleichgewicht geraten, sobald man von außen eingreift.

Selbst die gängige Praxis der vaginalen Untersuchungen, haben keinen positiven Effekt auf den Geburtsverlauf, verhindern keine Komplikationen, schaffen währenddessen aber ungeheuren Schmerz. 

 

Traumatische Geburten haben, aus meiner Erfahrung somit also oftmals mit den Interventionen zu tun, die teilweise nicht mal medizinisch notwendig sind.

 

 

Ist das so? Gibt es tatsächlich Eingriffe in der Geburtshilfe, die nicht medizinisch notwendig sind? 

Kann es wirklich sein, dass in Kliniken zu unrecht, so massiv und gewaltsam in den weiblichen Körper eingedrungen wird oder tiefe Schnitte im Gewebe des weiblichen Schoßraumes gemacht werden ohne, dass es hätte sein müssen? 

 

 

Nehmen wir das Bespiel eines Dammschnittes: 

Die WHO empfiehlt , dass die Dammschnittrate nicht über 5% liegen sollte. Während wir im Geburtshaus bei einer Rate von 4,5% liegen, werden bei einer Klinikgeburt bei 24% der gebärenden Frauen der Damm geschnitten.*

In 40% der Klinikgeburten, wurde die Geburten künstlich  eingeleitet. Lediglich 6% der Geburten in einer Klinik finden ohne Eingriffe statt. 6%. *

 

Warum muss in 94% der Geburt im Krankenhaus eingegriffen werden? 

 

Bei dem Vergleich der Dammschnittrate im Geburtshaus oder Krankenhaus, liegt die Vermutung nahe, dass Eingriffe in den Geburtsprozess nicht nur bei ausdrücklicher medizinischer Indikation gemacht werden. Schließlich ist eine Geburt im Krankenhaus ja nicht gefährlicher, als eine Geburt im Geburtshaus. Oder? 

 

Für mich gibt es drei mögliche Gründe, die diese häufigen Eingriffe (94%!) erklären: 

Zum Einen ist es der hohe Zeitdruck und der Personalmangel. Der Geburtsprozess, der als natürlichster Prozess des Lebens nicht planbar ist, muss im Klinikalltag so kalkulier- und kontrollierbar wie möglich gemacht werden. Häufig erleben Frauen ihre Begleitung im Klinikum als Abfertigung nach Schema X, anstatt sich wirklich mit ihren individuellen Situationen und Bedürfnissen auseinander zu setzen. 

 

Der zweite Punkt ist die Absicherung des medizinischen Personals, was auf Kosten der gebärenden Frauen geht. 20 Jahre, können Hebammen für mögliche Fehler belangt werden die sie bei der Begleitung von Geburten gemacht haben könnten. Das baut selbstverständlich eine menge Druck auf. Mir scheint es, als kanalisiere sich dieser Druck dahingehend, lieber noch invasiver vorzugehen und die (werdende) Mutter noch stärker zu kontrollieren. 

Genau diese Mechanismen sorgen allerdings erst für Komplikationen unter der Geburt! 

Kein Arzt und keine Hebamme, saß je für einen zu unrecht gemachten Kaiserschnitt vor Gericht.

 

Der dritte und letzte Punkt, ist dass Geburtsstationen chronisch unterfinanziert sind.

 Geld fließt mit dem Eingriff. Kliniken sind somit aus finanzieller Sicht, auf die Eingriffe angewiesen, damit keine roten Zahlen geschrieben werden. 

Das perverse ist also, dass das Geld für Geburtshilfe sehr wohl da ist, aber unser Gesundheitssystem im Rahmen der Geburtshilfe nur zahlt, sobald aktiv in den Geburtsprozess eingegriffen wird. 

Keine Kohle für eine Frau, die aus eigener Kraft, intuitiv ihren Bewegungen folgt, mit sich und ihrem Körper so liebevoll und vertraut ist, dass es tatsächlich keinerlei Eingriff in diesen natürlichen Prozess benötigt. Geburten ohne Eingriffe, sind für die Geburtsstationen schlicht und ergreifend finanziell untragbar! 

Ohne Eingriffe: Keine Kohle, ohne Kohle: Rote Zahlen. Viele rote Zahlen: Ende aus, aus die Maus. 

 

 

Was zur Hölle passiert hier? Gestern, heute, genau in dieser Sekunde in der Klinik nebenan??? 

 

Es kann nicht sein, dass  wir Frauen Schmerz, Trauer und Leid ertragen, weil unserem Körper massiver Schaden- und unseren Seele psychischer Druck angetan wird?

 

Warum zur Hölle, sollen wir weiter lächeln? Weiter stumm bleiben und à la „ war ja nicht so schlimm“ nach Hause gehen und die Geburt so schnell es geht vergessen? 

 

Nein! Nichts ist in Ordnung! 

 

Ohne medizinische Indikation, steht es niemandem zu, mit deinem Körper etwas zu tun, was du nicht willst oder wozu du nicht ausdrücklich JA gesagt hast. Alles andere ist nichts anderes als Körperverletzung

 

Niemand, darf dich in deiner ureigenen, urweiblichen Gebärkraft beschränken oder gar beschneiden.

 

Keine Hebamme- und kein Arzt dieser Welt bekommt dein Kind. 

DU bist es! Du weißt, was du brauchst! Welchen Rahmen, welchen Raum. Welche Art von Unterstützung- und durch wen diese wie aussehen soll. Du weißt, welche Musik du hören, welchen Duft du riechen und welche Bewegung du machen möchtest, um mit und durch deiner weibliche Weisheit dein Baby zu gebären. 

 

Auf den Tisch hauen für Hebammen, ist ein sehr kraftvolles Projekt indem es im Kern um die Rettung des Berufsbildes geht. 

Ich sage: auf den Tisch hauen, für eine Geburtskultur in Liebe, Respekt und Anerkennung füreinander!! 

----- 

 

Ich grüße euch von Herzen, ihr Frauen, die meine Worte gerade lesen....  

Ihr dürft über euren Körper entscheiden und eure krallen ausfahren, sobald man eure Grenzen verletzt.

Herzensgrüße von der Löwin in mir. 

Pia

 

 

*diese Zahlen habe ich der Auswertung von Christina Mundlos entnommenen. 

 


Hier geht es weiter zu meinem Blogbeitrag, in dem es um die Möglichkeiten geht, Kinder eine traumatische Geburt verarbeiten zu lassen:

Kommentar schreiben

Kommentare: 5
  • #1

    Anne (Dienstag, 25 Juli 2017 20:02)

    Vielen Dank für diesen Beitrag!
    Mir steht demnächst die zweite Klinikgeburt bevor.
    Ich weiß jetzt natürlich schon, wie der Hase läuft und bin auch schon etwas selbstbewusster im Hinblick auf die Geburt. Allerdings weiß ich auch, dass es in der Klinik Personalmangel zu geben scheint.
    Und ich befürchte einfach, dass dadurch irgendwas über meinen Kopf bestimmt werden wird. WAS kann ich denn dann in solch einer Situation tun? Ich liege in den Wehen und bin auch quasi auf das Personal angewiesen. Ich kann die wohl kaum anschreien und denen irgendwie drohen!? Wie kann ich denn mein Recht auf Selbstbestimmung durchsetzen, wenn ich gerade in einer Stress- und Schmerzsituation bin?
    Vielleicht gibt es hier noch ein paar Tipps? Danke

  • #2

    Pia an Anne! (Mittwoch, 26 Juli 2017 21:37)

    Liebe Anne, schreibe mir gerne eine private Nachricht, damit wir über deine Fragen in den Austausch kommen können. Herzliche Grüße, Pia Mortimer

  • #3

    Corinna (Dienstag, 08 August 2017 10:04)

    Liebe Pia,
    ich fühle und teile die Wut sowie die Trauer mit dir. Die Geburt meiner ersten Tochter war leider alles andere als selbstbestimmt und würdig!
    Lass uns Löwinnen zusammen kämpfen, für eine selbstbestimmte Geburt.

    Ich danke dir für deine Worte sowie für dein Wirken an diesem sooooo wichtigen Thema.
    In Verbundenheit, Corinna��

  • #4

    Sophie (Dienstag, 08 August 2017 10:04)

    Donnerwetter!!!!! Ich habe immer noch Gänsehaut! �

  • #5

    Laura S. (Dienstag, 26 September 2017)

    Ich danke dir von ganzem Herzen. Deine Worte und die Sitzungen mit dir, helfen mir so sehr, die Übergriffe zu verarbeiten und allen Schmerz zuzulassen. Danke!
    Laura