Geburtsverarbeitung

Im Zuge der Geburtswoche, die ich vom 10-17.7 auf meiner Facebook-Seite veranstaltete, haben mich Fragen zu meinen Erfahrungen in Bezug auf Geburten erreicht. Heute wird es darum gehen, wie Babys die Geburt verarbeiten. 

 

Magnolia schreibt:

Ich bin im Laufe meines Lebens an einen Punkt gekommen, wo ich durch Meditationen meine eigene Geburt noch einmal durchlebt habe und habe gemerkt, dass es neben der körperlichen Anstrengung, ein extrem emotionales Ereignis für mich als Baby war. Gibt es eine Möglichkeit, für das Baby den Geburtsweg, bereits nach der Geburt aufzuarbeiten und einen Raum zu schaffen, in dem alles Erlebte integriert werden kann?

 

Was für eine schöne und gehaltvolle Frage, liebe Magnolia. 

So viel Weg, der da schon hinter dir liegt und so viel sensibles Bewusstsein, was daraus entstanden ist,- was für ein Fest! 

 

Nun zu deiner Frage: 

Ja, es gibt die Möglichkeit der nachgeburtlichen Integration des kindlichen Geburtserlebens. 

 

Ich möchte diese Frage weniger aus der wissenschaftlichen Perspektive, sondern viel lieber aus meiner persönlichen Erfahrung her beleuchten, in der Hoffnung, dass es dir und allen, die diese Zeilen lesen werden, einen praktisch orientierten Einblick in dieses Thema gibt. 

 

Wie oft, haben mein Mann und ich die Geburten unserer Kinder bis ins kleinste,-innerlich oder äußerlich erlebte Detail besprochen? 15?40? Vielleicht sogar 100 mal?! 

Wir haben immer wieder darüber gesprochen, um allem Raum zu geben, was wir erlebt haben. Wir haben von Mal zu Mal genauer hingespürt, um diese kraftvolle und weltverändernde Reise zu verarbeiten.

Warum also, sollten unsere Kinder, die mit uns dieses Abenteuer erlebt haben, kein Bedürfnis nach Verarbeitung und Integration haben? 

 

Eine Geburt ist eine zentrale Erfahrung im Leben des Menschen und bedeutet, eine sehr große Veränderung, die wir währenddessen als Prägung mit in unser Leben nehmen. 

 

Meine Erfahrung ist, das Babys nach der Geburt, tatsächlich sehr intensiv von ihrem Geburtserlebnis erzählen. Dies geschieht zum einen auf seelischer,- zum anderen auf körperlicher Ebene.

 

Mein Mann und ich nahmen zunächst wahr, dass unsere Kinder im Säuglingsalter zu reagieren begannen, sobald wir über die Geburten unserer Kinder prachen. So reagierte meine Tochter damals mit Unruhe, begann zu weinen und sich wie bewusst, immer wieder an bestimmten Körperteilen selber zu berühren. Ihr weinen wurde heftiger, sie wand sich in meinem Arm und drückte sich in immer wiederkehrenden Abständen mit den Füßen an meinem Körper ab. Sie überstreckte sich bis ins Hohlkreuz, weinte manchmal voller Schmerz und manchmal richtig wütend und verzweifelt. 

Ich habe den Willen meiner Kinder wahrgenommen, sich noch einmal, wie während einer Wehe, durch den engen Geburtskanal nach außen zu schieben. Kinder drücken sich während jeder Wehe, in der sich kontrahierenden Gebärmuttermuskulatur im Uterus ab und arbeiten somit sehr aktiv am Geburtsprozess mit. 

Mein intuitiver Impuls war es, meine Hand auf ihr Köpfchen zu legen, um ihr eine Orientierung zu geben, ''wo der Weg nach draußen ist".

Mit meiner Hand an ihrem Kopf fing sie an, sich immer wieder durchzudrücken und schob sich damit immer wieder mit einem Satz nach vorne. Es entstanden gleichzeitig von ihr ausgehende Pausen, in denen ich sie für einen Moment wieder nur hielt, "bis die nächste Wehe kam“. 

Es war sehr beeindruckend zu sehen, wie meine Tochter während der Geburtsverarbeitung immer wieder an einem bestimmten Punkt mit ihrer Schulter zurück blieb,- genauso, wie es bei ihrer Geburt war! Sie zeigte mir also sehr genau, wie sie den Geburtsprozess empfunden hat und welche körperlichen Engstellen es für sie gab. Ich habe sie gehalten.

Ich habe sie gespiegelt, indem ich ihr sagte, was ich wahrnahm.

 

,,Ich sehe, dass die Geburt auch für dich ein hartes Stück Arbeit war. Ich sehe, dass du zeitweise orientierungslos warst und dass du den Weg hinaus gesucht hast. Ich bin für dich da, mit allem was ich bin. Du bist nicht allein.“ 

 

Neben ihrer körperlichen Verarbeitung nahm ich erstaunt wahr, dass sie, während sie sich erneut durch den Geburtskanal schob, laute machte, die meinen Tönen unter der Geburt sehr ähnlich waren.

 

Während ich meine Tochter auf diese tiefe Weise begleitete, spürte ich jedes mal intuitiv, wann sie tatsächlich geboren wurde.

Mit dem Schwung der letzten Wehe, des letzten Abdrückens ihrerseits, nahm ich meine Tochter auf den Arm und empfing sie mit jedes Mal mit der selben Liebe und den selben Worten, wie ich es nach unserer selbstbestimmten Geburt im Krankenhaus tat. Sie schlief jedes Mal erschöpft und dennoch in voller Ruhe auf meinem Arm ein. 

 

Diese Prozesse durchliefen wir in ihrem ersten halben Lebensjahr ähnlich häufig, wie mein Mann und ich über ihre Geburt sprachen. Nach jedem erneuten Durchleben der Geburt, schien sie in den Tagen danach wie erlöst, frei und in tiefster Ruhe.

 

Nach meinen beiden Geburten, schaffte ich daher Raum mit meinen Kindern, um über die Geburt zu sprechen. Ich schaffte einerseits innerlich Raum in mir, in dem ich mir bewusst machte, dass meine Kinder über die Geburt werden erzählen wollen. Äußerlich schaffte ich einen Raum in dem ich versuchte, das weinen meiner Kinder nicht sofort zu stillen, wenn ich intuitiv den Eindruck hatte, dass sie von ihrer Geburtserfahrung erzählen. 

Die absolute Voraussetzung für eine solche innige Begleitung, ist natürlich eine gute Verbindung zwischen Mutter und Kind. Ich bin der großen Überzeugung, dass jede Mutter genau diese tiefe Verbindung zu ihrem Baby haben kann. 

Dennoch ist es so, dass dieser Prozess ein hohes Maß an Einfühlung und eine sichere Verbindung zu einem Vertrauen in die eigenen, urmütterlichen Instinkte braucht. 

 

Der Prozess braucht Zeit, darf sich gesund verwandeln und auch jedes Mal etwas anders sein. Wir wiederholen ja auch nicht immer und immer wieder ein und den selben Gefühlsaspekt, während wir verarbeiten. 

 

Habe Mut und Vertrauen in dich und deine Fähigkeiten, dass auch du intuitiv wahrnehmen wirst, wovon den Kind erzählt, während du es hälst. Versuche, während du dein Kind begleitest, in guter Verbindung zu dir und deinem Körper zu bleiben, damit du gut für dein Kind da sein kannst und nicht in eigenen emotionalen Tiefen versinkst. 

Ich weiß, dass du das kannst und ich weiß, dass du und dein Kind bereit seid, für eine sanfte, innige und tiefe Beziehung. 

 

Wenn du mehr über die Geburtsverarbeitung deines Kindes erfahren möchtest, empfehle ich dir die Bücher von Thomas Harms. Sowohl ,,Emotionelle erste Hilfe", wie auch ,,Körperpsychotherapie mit Säuglingen und Eltern", haben mich und meinen Mann in unseren Impulsen und Wahrnehmungen gestärkt. 

 

Ich danke dir, liebe Magnolia, für diese mutige und ehrliche Frage. 

Ich danke euch allen, für diese schöne, bereichernde und inspirierende Geburtswoche und freue mich wie immer über euer Feedback. 

 

In Liebe, Pia Mortimer

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