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Meine Hausgeburt im Beisein meiner Tochter

Heute, werde ich euch von meiner Hausgeburt im Beisein meiner Tochter erzählen.

 

,,Um Gottes Willen, das habt ihr nicht im Ernst vor?!“ 

,,Mina wird nicht verstehen, warum du so große Schmerzen hast und es wird sie vermutlich schwer traumatisieren.“ 

 

 

Mina, meine Tochter, zur Geburt ihres Bruders zweieinhalb, strotzt vor Lebensfreude und blättert gespannt durch ,,Runas Geburt“. Runa wird Zuhause das Licht der Welt erblicken und ihre Schwester Lisa, darf dabei sein. Als die Hebamme mit ihrem roten Auto und dem bunten Koffer angesaust kommt, atmet Mama schon ganz schön laut.

 

,,Das ist ganz normal", sagen Papa und die Hebamme. Ein paar Seiten später, darf Lisa miterleben, wie ihre kleine Schwester Runa, aus dem Bauch ihrer Mama geboren wird.

Mina klappt das Buch zu. 

,,wenn Noam e Welt tomm, Mama auch atmet laut?“ 

,,Ja, mein Schatz. Wenn wir vier bereit für die Geburt sind, wird Noam aus Mamas Yoni* geboren werden. Mama wird bärenstark sein und vor Kraft brüllen, wie ein Löwe“

,,Mama aua hat?“ 

Ich schlucke.

Worst case.

Erster Impuls: nein, Mama wird niemals Schmerzen haben. Ich registriere diesen Impuls und spreche die Wahrheit, die sie, als sensibles Wesen, eh‘ schon spürt. 

,,Ja, eine Geburt kann auch ein bisschen weh tun“, sage ich dann. ,,Es ist ja auch ein bisschen traurig, wenn Noam dann nicht mehr in Mamas Bauch ist. Loslassen kann manchmal ein bisschen weh tun. Das ist aber ganz normal und Mama wird das ganz toll machen, genauso wie damals, als du als kleines Baby aus Mamas Bauch geboren wurdest.“ 

Sie lächelt. 

 

Mina ist bei allen Terminen mit unserer Hebamme dabei. Aus einem schüchternen Kontakt, allerseits, wurden wir, während der Vorsorgen, ein echt cooles Team mit ner‘ Menge Witz, Vertrauen und Anerkennung füreinander. 

 

15:25: Nics Handy klingelt, ich bin dran. Sage ihm, dass ich nicht mehr auf den Spielplatz nachkommen- sondern heute Zuhause unser Baby gebären werde.

Eine Stunde später kommen meine Liebsten sandbespränkelt heim.

 

Mina möchte zu mir in die Badewanne, sagt sie, während ich die ersten Wehen ruhig veratme. 

 

Abendbrot für Mina, ich esse zwischen zwei Wehen ein Wiener Würstchen und lache dabei über mich selber.

18:30, Nic bringt Mina ins Bett, zweite Badewanne. ,,Nu‘ man los“, denke ich, lege meine Hand auf meinen Sohn und sage ihm, dass wir noch auf Papa warten werden und noch ein bisschen Zeit zu zweit haben. Mina schläft schnell ein. 

Nic hält mein Gesicht in seinen Händen und lässt mir leise, frisches, warmes Badewasser ein. 

Als meine Hebamme kurz vor der Geburt meines Sohnes kommt, tapst auch die kleine Große zu uns.

 

Mit müden Augen aber hellwachem Geist, sitzt sie auf Papas Arm und beobachtet, wie ich turnend die Wehen veratme und mich mir jeder Wehe tiefer in meinen Körper sinken lasse. 

 

,,Mina laut, möchte spielel“. Schnaubend macht sie sich an die Bearbeitung des Gebärhockers, den unsere Hebamme mitgebracht hat. Feierlich wird ein letztes Mal Runas Geburt gelesen und dann kehren sie zurück zu mir. 

 

 

Ich gebäre Noam in meine Hände.

,,Hallo mein Sohn, ich grüße das göttliche in dir.“

Alles ist ruhig. Er auf meiner Brust. 

 

 

,,dein Bruder ist geboren!“ Mina kommt langsam zu uns, Papa steht in ihrem Rücken. 

 

Der Kuss, den sie Noam ganz ruhig und bewusst auf die Stirn drückt, wirkt wie eine Aufnahme in unser Rudel. Wir haben es geschafft, herzlich willkommen in unserer Mitte, kleiner Noam.

 

 

Seit der Geburt von Noam, wurden hier Zuhause weitere 1000 Geburten begleitet. Bär, Paula und Frankreich wurden in unterschiedlichsten Positionen auf die Welt gebracht. Mit atmen, in Bewegung, in voller Kraft und ganz ohne Messer und Schere....

Die Verarbeitung durch das Spielen, ist für Mina ein Weg der Integration geworden, indem sie alles noch einmal erleben kann, um nach ihrem Tempo zu verarbeiten. 

 

 

Ich wurde zum zweiten Mal Mama, mein Mann zum zweiten Mal Papa. Unsere Tochter wurde zum erstem Mal Schwester. 

 

Natürlich fragte auch wir uns, während der Vorbereitungen auf die Geburt, wie die Ankunft ihres Bruders für Mina stimmig und gesund laufen kann. 

Ich fragte mich ebenso, ob ich mich werde fallen lassen können, wenn meine Tochter bei mir ist.

Wir zermarterten uns zeitweise den Kopf darüber und beleuchteten das Thema von unterschiedlichsten Seiten. 

 

Als wir den Sprung aus dem verrauchten Kopf wagten und hinein in unser Gefühl sprangen, war klar, dass wir vertrauen dürfen und sich alles so ergeben wird, wir es für jeden von uns richtig ist. Wir entschieden uns also gegen einen festen Plan und für das Vertrauen. 

 

Neben der Hebammen, waren meine Mutter, zwei Freundinnen und unsere Nachbarin in Rufbereitschaft für Mina, sollte mit Beginn der Wehen spürbar werden, dass sich eine gemeinsame Geburt zu viert nicht richtig anfühlt. Letztendlich wurde zwischen Wiener Würstchen und Badewanne keine Entscheidung ausgesprochen. Es hat sich so klar und natürlich angefühlt, dass Mina dabei ist, dass wir unter der Geburt keinen Zweifel bekamen. 

Wir vier sind gemeinsam zu einem wundervollen, starken und liebenden Rudel geworden. Für uns, war es genau der richtige Weg, Noam gemeinsam in unsere Mitte zu begleiten. 

Für jeden von uns vier, hat sich die Welt verändert. Der gemeinsame Weg, hat uns als Familie ermöglicht, dass jeder von uns- und wir gemeinsam, einen Weg in die gewachsene Familie gefunden haben. 

 

 

Ob es das Richtige für euch und die werdenden Geschwister ist? Das wisst ihr. Das spürt ihr, wenn ihr euch mit euch verbindet und Raum für euer Gefühl schafft. Die Welt kann sich für einen Moment allein drehen und die Vorurteile deiner Mitmenschen mit ihr. Findet zu euch, zu eurer Wahrheit, es ist alles da!

In Liebe, 

Pia Mortimer 

 

 

*mir ist es wichtig, für meinen Schoßraum einen Namen zu finden, der weder mit Scham, Ekel oder Abwertung einher geht. Yoni drückt für mich allein durch den schönen Klang, eine sanfte und respektvolle Beziehung zu meinem Körper aus. 

 


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Kommentare: 4
  • #1

    Bettina (Dienstag, 11 Juli 2017 14:00)

    Ganz toll :)
    Gänsehaut pur!!!

  • #2

    Norma (Dienstag, 11 Juli 2017 15:28)

    Oh liebe Pia, was für ein wundervoller Text! So viel Liebe und Verbundenheit schwingt hier und ja auch "in echt" :-)
    Danke für das Teilen Eures Geburtserlebnisses! Das sind immer wieder unglaublich berührende Zeilen und ich wünsche Dir von Herzen, dass sie viele Menschen erreichen!
    Es umarmt Dich von Herzen,
    Norma

  • #3

    Birgit Pichler (Mittwoch, 12 Juli 2017 08:29)

    danke! bin gerade zum zweiten mal schwanger, meine erstgeborene wird zum zeitpunkt der geburt kurz vor ihrem 2. geburtstag sein und das thema beschäftigt mich natürlich auch...was braucht sie um während der geburt ihres geschwisterchens gut versorgt zu sein? was brauche ich um mich gut fallen lassen zu können? wie kann gebären als familie gemeinsam stimmig gestaltet werden? ....da kommt dein berührender blogbeitrag genau richtig <3

  • #4

    Andrea (Dienstag, 09 Januar 2018 22:38)

    Vielen Dank! <3